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Speisekino // BAUSTELLE BOSPORUS I: My Fathers Wings / Walking Tarlabaşı

Filmreihe kuratiert von Urbanitiez / Orhan Esen (Istanbul/ Berlin)

Viele wären bestimmt nicht traurig, geriete die Istanbuler Bauwirtschaft in eine Krise. Noch macht die Metropole am Bosporus den Eindruck der aktivsten Baustelle Europas. Das Gesicht der Megametropole wurde in drei Jahrzehnten stärker verändert, als in drei Jahrtausenden Stadtgeschichte davor. Die Bauwut umfasst nicht nur gigantomanische Infrastrukturprojekte wie der grösste Flughafen der Welt samt Autobahnring und Bosporusbrücke, der eurasiatische Autobahntunnels sowie der angepeilte zweite künstliche Bosporus; auch Flächensanierungen bestehender Wohnviertel, sowie Errichtung gigantomanischer Neubausiedlungen auf der grünen Wiese sind trotz der Lirakrise noch ungebremst im Gange.

Fortschritt und Wohlstand heisst das Versprechen: Für viele springt dabei nicht viel mehr raus als Verdrängung aus zentraler Lage, präkere Jobs auf gefährlichen Baustellen. Unwiederbringbare Zerstörung intakter Naturlandschaften, mariner Ökosysteme, und Agrarflächen und ödes neues Leben in Grossiedlungen am Stadtrand, ist der bonus obendrauf. Dabei weist die Stadt ohnehin schon einen Wohnungsleerstand von fast 15 % und einen mittlerweile katastrophalen und weiterhin wachsenden Defizit an Grünanlagen. Nicht ohne Grund war der Anlass für den bedeutendsten Aufstand im Sommer 2013, Occupy Gezi, die angepeilte Zerstörung eines Parkfleckchens im Zentrum. 

Das Speisekino wird mit einer Programmreihe aus Spielfilmen sowie dokumentierenden Kunstvideos diesem einmaligen Schauplatz urbaner Entwicklungen einen Blick gewähren. Der vom Stadtforscher Orhan Esen kuratierte Abend enthält neben Screenings, Gespräche mit den Künstler*innen und eingeladenen Expert*innen.

DIE FILME:

My fathers wings von kıvanç sezer (101 min, Türkei, 2016)

Ibrahim arbeitet an der Baustelle: Ein Hochhaus mit Luxusappartements soll es werden. Bezahlung ist nicht ordentlich aber ernährt die Familie in der Heimat. Die unerwartete Diagnosis mit Lungenkrebs bringt jedoch sein Leben durcheinander: er verliert alle Sicherheiten, gar für die unmittelbare Zukunft. Als Gerüchte rumgehen dass die Firma die Familie eines Mitarbeiters, der sein Leben tragisch an der Baustelle verliert, ordentlich entschädigt haben soll, fängt er an, gefährliche Ideen zu spinnen. 

Der unerwartet reife Debutfilm Sezer's stellt die Risiken eines Systems dar, der die Arbeiter zwingt, ihre Leben den Interessen wirtschaftlicher Entwicklung unterzuordnen. In einer Welt voller Träume und Wünsche, wo die Zukunft zu einer lukrativen Ware wird, zeugt “Flügel Meines Vaters” von der inneren Stärke eines Mannes, der seine Hoffnung an die Zukunft verliert.

Weitere Informationen:
babaminkanatlari.com

Walking Tarlabaşı von Christine Schörkhuber (Österreich, 2018)

Von 2011 – 2017 spazierten die Filmemacher*innen jedes Jahr entlang der gleichen Wegstrecken durch Tarlabaşı und sprachen mit den Menschen, die dort leben. Das Istanbuler Stadtviertel zeichnet sich nicht nur durch seine spannende Historie und die einzigartige soziokulturelle Dynamik dort aus, es ist auch Schauplatz eines der wohl spektakulärsten und gleichermassen skurrrilsten Bauprojekte der jüngeren Stadtgeschichte. Mitten in einem der ärmsten Viertel der Stadt sollte bis 2017 ein schicker Wohn- und Bürobezirk für die Upper Class entstehen. Bisher gibt es das Hochglanzviertel allerdings nur im Katalog während der tägliche Kampf um Überleben, Stadtraum und Selbstbestimmung draussen auf der Strasse stattfindet. Ein Tiefenblick im Vorbeigehen.

(*) Burcu Bakö, Architektin, PhD Kandidatin zu İstanbul im Kino aus der Frauenperspektive: Themen, Regisseurinnen, Protagonistinnen

weitere Informationen
https://www.facebook.com/WalkingTarlabasi
www.chschoe.net

Das Essen für das Speisekino kostet 10 Euro. Hierfür bitten wir um eine Anmeldung bis Donnerstag Nachmittag unter speisekino(at)zku-berlin.org. Der Film selbst ist wie immer kostenlos.

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Speisekino /// Food and Footage ist Teil von Shared Cities: Creative Momentum und wird co-finanziert durch das Creative Europe Programm der Europäischen Union und die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa.