ClimArt

Sensibilisierung und Mobilisierung zur Steigerung der urbanen Klimaresilienz durch Künstlerische Interventionen (Reallabor)
2023 - 2025
Das Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) im ehemaligen Güterbahnhof Moabit ist von einem öffentlichen Park umgeben. Der Stadtgarten Moabit und das ZK/U sind ein generationenübergreifender Kultur-und Aktionsort, der von den Folgen des Klimawandels unmittelbar betroffen ist. Lange Dürre, extreme Hitze- und Starkregenereignisse wirken sich negativ auf Flora und Fauna der öffentlichen Flächen aus und führen zu Einschränkungen des Kunstbetriebs am und im Gebäude. Mit dem 2025 abgeschlossenen Ausbau des ZK/U ging die Schaffung neuer Workshopflächen, sowie der Entstehung einer weithin sichtbaren urbanen Bühne auf der Dachterrasse einher. Im Rahmen dieser Weiterentwicklung begegnete das ZK/U der eigenen Klimabetroffenheit über konkrete, künstlerische Interventionen und Prototypen, die die Nutzer:innen des Parks und des Hauses aktiv in die Entwicklung und Umsetzung einbanden und über einen Parcours von künstlerischen Prototypen zur Anpassung an den Klimawandel für die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen sensibilisieren, mobilisierende Handlungsvorschläge erproben, niedrigschwellig dokumentieren und einem breiten Publikum zugänglich machen.
In Kooperation mit dem Berliner Kultursenat, einem nachbarschaftlichen Partner, der StadtManufaktur Berlin (Reallaborzentrum der TU Berlin), dem Civic Science Projekt Hiveeyes und verschiedenen lokalen und überregionalen Partnern entstanden künstlerische Prototypen für die konkrete Anpassung des ZK/U an extreme Hitze, Dürre und Starkregen: Ein Green Curtain wurde zum Symbol für innovative Gebäudekühlung, von Medienkünstler:innen geschaffene Selbstbau-Sensorik-Sets lassen Bäume und Bienen über ihren Zustand kommunizieren und fordern eine Pflege durch Bürger:innen, skulpturale Wasserspeicher sensibilisieren für Dürre, Nutzpflanzen kühlen das Gebäude und ernähren die Hausnutzer:innen, ein durchgehendes Vermittlungsprogramm mit Performances, Workshops, Konferenzen, Podcasts, einem künstlerischen Ideenwettbewerb und einem Handlungsparcours beförderten einen wechselseitigen Wissensaustausch von Bürger:innen und Wissenschaft. Weiter unten gibt es detaillierte Informationen zu den verschiedenen Maßnahmen.
Das Gesamtprojekt sollte modellhafte, kooperative und nachhaltige Klimaanpassungsmaßnahmen aufzeigen und ihre Übertragbarkeit auf andere existierende Institutionen prüfen. Die künstlerischen Arbeiten regen zu einer kritischen Auseinandersetzung an und schaffen Aufmerksamkeit für kommende Herausforderungen. Das Projekt kommuniziert, dass die Ausbildung einer auf Bürger ausgerichtete Klimaanpassungskompetenz neben gesellschaftlich positiven Effekten zu einer größeren Akzeptanz und aktiven Teilhabe zur Umsetzung von Maßnahmen führt. Im Verbund mit der StadtManufaktur Berlin, dem Reallaborzentrum der TU Berlin, wurden Teile des Konzeptes als übertragbares Transformationswissen regional und international sichtbar und verfügbar. Das Projekt verstand sich gleichzeitig als Labor und Bühne für Künstler*innen, die in den Bereichen ‘climate justice’, ‘relational aesthetics’ und ‘public art’ verankert arbeiten. Das Projekt profitierte von den Erkenntnissen aus dem Klimakunstlabor 2021 und Klimakunstlabor 2022 auf der BauSchilderung und im Moabiter Stadtgarten.

Fluid Infrastructures
Eröffnung des Handlungsparcours zu Klimaanpassung
Am 29. November 2025 lud das ZK/U, die Berlin University Alliance und On Water | PARCOURS zu ClimArt: Fluid Infrastructures ein. Das ganztägige Programm brachte Kunst, Wissenschaft und Stadtgesellschaft in einen Dialog über Klimaanpassung, Resilienz und gemeinschaftliches Handeln angesichts eines sich wandelnden urbanen Klimas.
Der Tag markierte zugleich den Abschluss des dreijährigen Projekts ClimArt sowie die Eröffnung eines neuen künstlerischen Parcours auf dem Gelände des ZK/U und im angrenzenden Stadtgarten – eine Reihe von Installationen und Interventionen, die künstlerische Perspektiven auf urbane Klimatransformation erfahrbar machen. Das Programm widmete sich mit Vorträgen, Gesprächsrunden und Workshops der Frage, wie künstlerische und wissenschaftliche Praktiken dazu beitragen können, Städte widerstandsfähiger gegenüber Hitze, Dürre und veränderten Wasserzyklen zu gestalten.
Kunst am Baum
Kollektiv LU’UM, WeField und Studio flex
Parliament of Trees, 2024 — 2025
Bäume, Stauden, Kräuter, Humus, recycelte Stahlboxen, Gerüstkonstruktionen, Planen
Auf dem Dach des ZK/U wächst das Parliament of Trees – eine lebendige Installation aus Bäumen, Stauden und Kräutern. Zwei Gerüstkonstruktionen mit leichten Planen spenden Schatten, kühlen die versiegelte Fläche und öffnen zugleich einen Raum, in dem Menschen und Pflanzen einander begegnen können. Als Kühlskulptur und Symbol lädt das Parliament of Trees dazu ein, die Stimmen von Pflanzen, Tieren und anderen nicht-menschlichen Akteuren im Leben der Stadt mitzudenken.
Entwickelt vom Kollektiv LU’UM, WeField und Studio flex, verwandelt das Werk seit 2024 das Dach des ZK/U in eine ökologische und soziale Landschaft. In recycelten Stahlboxen wächst ein vielfältiges Ensemble aus Bäumen, Stauden und Kräutern, das von zwei Gerüsten gefasst wird. Die Planen filtern das Sonnenlicht, erzeugen wandernde Schattenspiele und schaffen ein temporäres Dach, unter dem sich ein gemeinsamer Aufenthalts- und Denkraum entfaltet.
Für LU’UM ist das Parliament of Trees zugleich eine politische Geste: Die Pflanzen treten als nicht-menschliche Akteure auf – als Lebewesen, die ein Recht auf Mitsprache in den Debatten um die Zukunft der Stadt beanspruchen. Zwischen künstlerischer Skulptur und ökologischer Infrastruktur entsteht ein symbolischer Ort, an dem neue Geschichten über Stadtwandel, Klimaresilienz und interspezifisches Zusammenleben wachsen können.

Tree Aware
Clemens Gruber, Stefan Koderisch
Tree Aware, 2025
Zierapfelbaum, Sensor-Kits, Raspberry Pi, Lautsprecher, Mikrofon, KI-Schnittstelle
Mit Tree Aware verstärkt das ZK/U die Stimmen der Bäume. Ausgestattet mit Sensoren für Bodenfeuchtigkeit, Temperatur und Wetterdaten und verbunden mit einer KI, die diese Informationen in Sprache übersetzt, können Stadtbäume direkt mit Besucher:innen kommunizieren. Sie sprechen über Hitze und Dürre, kommentieren das Stadtleben oder erzählen kleine Geschichten – und schaffen so einen spielerischen und doch tiefgründigen Dialog über die Rolle der Natur im urbanen Raum.
Seit 2021 hat Tree Aware verschiedene Prototypen durchlaufen: vom wortwörtlichen „Quitti“-Baum über eine Klangperformance bis hin zur Installation Baum und Platte vor dem Museum der Dinge. Heute wird die Idee in verschiedenen Formaten weitergeführt – beispielsweise im Podcast Lenne Leaks mit dem Ahornbaum „Lenne” im Stadtgarten Moabit. Das Highlight ist die endgültige Installation auf dem Dach des ZK/U: ein junger Baum, der Besucher in Gespräche verwickelt und den Klimawandel direkt greifbar und erlebbar macht.

Lenne Leaks
Lenne, Anna Latzko, Jürg Meister
Tree Aware — Lenne Leaks, 2024 — 2025
Spitzahorn, Menschen, Audio-Podcast, KI-Schnittstelle
Was wäre, wenn ein Baum sprechen könnte? Im Moabiter Stadtgarten, einem kleinen öffentlichen Park neben dem ZK/U Berlin, steht ein junger Ahorn namens „Lenne“, der im Rahmen des Projekts ClimArt mit der Tree Aware-Technologie ausgestattet wurde: Mithilfe einer KI in Verbindung mit Sensoren, die Echtzeitdaten über das Wetter und die Bodenfeuchtigkeit am Baum liefern, kann Lenne kommunizieren, Auskunft über seinen Zustand geben – und einen Podcast hosten!
In Lenne Leaks verleiht der Spitzahorn „Lenne“ den nicht-humanen Lebewesen eine Stimme und geht gemeinsam mit dem menschlichen Co-Host Anna dem Schicksal von Bäumen im Großstadtjungle nach. Was passiert bei Hitze, Dürre und Starkregen? Was bedeuten diese Herausforderungen für unsere Nachbarschaften? Gemeinsam mit Expert:innen und Aktivist:innen deckt das ungleiche Paar die bereits jetzt spürbaren Folgen des Klimawandels auf und präsentiert kreative Strategien zur Anpassung an die Klimawandelfolgen.

Green Curtain
Gloria Jurado und Paula Cano, Umsetzung durch SLAB
Green Curtain, 2025
Recycelte Bauzäune und Stahlboxen, Gerüstelemente, Rankpflanzen, Bewässerungssysteme
An der Südseite des ZK/U wächst der Green Curtain – eine mobile, vertikale Vegetationsstruktur, die das Gebäude auf natürliche Weise verschattet und kühlt. Die Pflanzmodule reduzieren die Sonneneinstrahlung und damit die Erwärmung der neuen Etage des ZK/U, während sie zugleich ein lebendiges, saisonal wechselndes Bild erzeugen: sattes Grün im Sommer, warme Töne im Herbst und im Winter eine offene Fläche für künstlerische Interventionen. Der Green Curtain verbindet naturbasierte Fassadenkühlung, essbare Pflanzen und künstlerisches Upcycling zu einem flexiblen, semi-autonomen System.
Der 2025 entwickelte Prototyp von Gloria Jurado und Paula Cano basiert auf recycelten Bauzäunen, Stahlboxen und Gerüstelementen. Die Module können entlang der Fassade bewegt, neu konfiguriert und saisonal bespielt werden. Ein integriertes Bewässerungssystem versorgt Rankpflanzen wie Bohnen, Hopfen und Wein, die im Sommer Schatten spenden und am Ende der Saison geerntet und verarbeitet werden. So entsteht nicht nur ein grüner Filter, sondern auch eine essbare Mikro-Landschaft, die Mensch und Natur verbindet.
Im Winter, wenn die Pflanzen ruhen, verwandeln sich die Module in offene Oberflächen für temporäre künstlerische Arbeiten. Jurado und Cano interpretieren den Bauzaun – gewöhnlich Symbol der Abgrenzung – neu: als Material für Verbindung, Teilhabe und saisonale Transformation.
Regenwasserskulptur
Michelle Christensen, Florian Conradi, Yannik Berger, Selenay Kiray, Karina Tarasiuk, Sidar Torunlu
Resonance of a Raindrop, 2025
Regentropfen, Sensor, Mikrocontroller, Resonanzkörper, Audiosequenzen
Die Regenwasserskulptur von ClimArt untersucht, wie Regenwasser im urbanen Raum nicht nur technisch gemanagt, sondern auch sinnlich erfahrbar und gemeinschaftlich reflektiert werden kann.
Der Prozess begann 2023 mit einem Workshop am ZK/U, bei dem Vertreter:innen der Regenwasseragentur, Parkgärtner, Nachbar:innen und das ClimArt-Team erste technische und künstlerische Ideen für eine „Regenwasserskulptur“ entwickelten. Als unmittelbare Maßnahme entstand zunächst ein zugänglicher IBC-Tank auf der zum Park gewandten Terrasse – ein einfaches, wirkungsvolles System, das Regenwasser sammelt und der Garten-Community sowie dem Tiny Forest als Ressource dient.
Darauf aufbauend entstand 2025 ein transdisziplinärer Forschungsprozess mit dem metaLAB (at) FU Berlin, dem Berlin Open Lab der UdK und dem Einstein Center Digital Future der TU Berlin. In Workshops und einem Hackathon entwickelten Studierende, Künstler:innen, Forscher:innen und Nachbar:innen experimentelle Prototypen, die den Weg des Regenwassers erlebbar machen. Aus diesem Prozess ging schließlich die finale Regenwasserskulptur hervor, die heute am transparenten Wellblechdach des ehemaligen Bahnsteigs installiert ist: Sensoren übersetzen den Aufprall von Regentropfen in hörbare Klänge und machen Regen im Stadtraum unmittelbar wahrnehmbar.

Data Farm
Clemens Gruber, Giacomo Nanni, Matthias Mehldau, Amin Moradi
Data Farm, 2023 — ongoing
Sensor-Netzwerk, Datenvisualisierung, Video, Dashboard im Eingangsbereich
Die Data Farm erfasst und visualisiert die Umweltbedingungen im Stadtgarten und auf dem Dach des ZK/U. Sensoren messen Temperatur, Bodenfeuchte, Regen, Wind und weitere Parameter – Daten, die sonst unsichtbar bleiben, hier jedoch zu einem gemeinsamen Archiv von Natur, Technik und Nachbarschaft werden. Die Data Farm macht erfahrbar, dass Daten immer auch Geschichten sind: über Hitze und Dürre, über Regenereignisse und Überschwemmungen, über die feinen Veränderungen eines urbanen Ökosystems.
Entwickelt von Clemens Gruber, Giacomo Nanni, Matthias Mehldau und Amin Moradi, verbindet das Projekt seit 2023 ein dichtes Netzwerk aus Sensor-Kits und einer Wetterstation mit künstlerischen und visuellen Übersetzungen. Im Eingangsbereich des ZK/U werden die gesammelten Informationen über ein Dashboard sichtbar – nicht nur als Zahlenreihen, sondern als Bilder, Grafiken und bewegte Formen, die die Dynamik der Umgebung in Echtzeit zeigen.
Handlungsparcours
Der Handlungsparcours ist ein interaktiver Lernpfad, der Besucher*innen dazu einlädt, sich mit den klimatischen Herausforderungen der Stadt auseinanderzusetzen – durch künstlerische, wissenschaftliche und praktische Erfahrungen. Ziel ist es, Menschen zu befähigen, klimaresilientes Denken und Handeln im urbanen Raum zu entwickeln.
Der Parcours beginnt am Eingang des ZK/U-Geländes, wo ein digitales Dashboard Echtzeit-Umweltdaten sowie Informationen zu den einzelnen Stationen und laufenden Projekten zeigt. Sein zentrales Element liegt auf dem Dach des ZK/U – ein besonderer Lern- und Begegnungsort für gemeinsames Forschen, Diskutieren und Gestalten.
Entlang des Weges verbindet der Handlungsparcours naturbasierte Gestaltung, künstlerische Experimente und Klimabildung. Besucher*innen begegnen Installationen wie dem Green Curtain, einer Regenwasserskulptur oder dem „sprechenden Baum“. Jede Station vermittelt auf eigene Weise ästhetische, ökologische und technische Perspektiven auf Klimaanpassung in der Stadt.
Design der Schilder von Luise Spielhagen, Umsetzung durch Arun Gruen.

Gefördert vom Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Mehr Informationen zum BMUKN und dem Projektträger. Förderkennzeichen: 67DAS274.